Freileitung vs. Erdkabel

Erstellt: 10.11.2019  Lesedauer 4 - 5 Min.

Der „Umweltverband Birkenwerder-Hohen Neuendorf e.V.“ macht mobil gegen die 380kV-Freileitung im Gemeindegebiet. Hierzu finden Sie im Artikel einige allgemeine Informationen.

Wenn schon Strom, dann bitte „in die Erde“, weil das doch schöner, vermeintlich einfacher und vor allem „umweltschonender“ sei. Was bei genauerer Betrachtung kaum haltbar ist. Deshalb eine Gegenüberstellung der Möglichkeiten und ergänzende Informationen für eine sachlich(er)e Auseinandersetzung zum Thema.

Freileitung

Natürlich sind Leitungsmasten mit normalerweise ca. 50 Meter Höhe mit etwa 4-500 Meter Abstand keine Augenweide. Noch weniger, wenn dazwischen dicke Kabel hängen. Dazu kommen elektromagnetische Strahlung und Eingriffe in die unter der Trasse liegende Natur, weil dort beispielsweise hohen Bäume kritisch wären. Allerdings kann der Bereich unter einer Freileitung weiter landschaftlich genutzt werden. Eine auch unter den Leitungen mögliche Niederwaldwirtschaft erhält den Artenreichtum und erzeugt so einen Biotop-Verbund.

Freileitungen sind technisch ausgereift, sie bieten im Bedarfsfall eine hohe Reserve für zusätzliche Leistung, weil die bei der Stromübertragung entstehende Wärme gut abgeführt werden kann. Die Errichtung eine Freileitung ist durchschnittlich vier bis achtmal günstiger als eine Erdleitung. Sie lässt sich schnell mit vergleichsweise leichten Maschinen errichten und einfach warten (Quelle: Tennet, Erdkabelverleger). Aufgrund der Masthöhe ist der elektromagnetische Effekt nur halb so hoch wie bei Erdkabeln, die ca. 1 bis 2 Meter tief im Boden liegen, nimmt jedoch seitlich langsamer ab.

Allerdings sind Freileitungen witterungs­empfindlich. Gefrierender Regen kann zu Kabelbruch führen, Eisbrocken können herunter fallen, Wind und klimatische Effekte können Geräusche erzeugen, Heißluftballone und Vögel können sich verfangen. Sie sind weithin sichtbare „Landmarken“. Die in den 1960er-Jahren aus der Interpreation von Statistiken aufgekommene Annahme, dass Freileitungen durch Ionisation der Umgebung Gesundheitschäden auslösen würden, lässt sich allerdings kaum noch halten (Quelle: scinexx Wissensmagazin).

Erdkabel

Die Nebenwirkungen und Einflüsse von 380kV-Erdkabeln sind weitestgehend unerforscht und haben auch aufgrund der erheblich höheren Kosten lediglich ca. 0,3% Anteil am bundesdeutschen Hochspannungsnetz. (Quelle: Impulsreferat Dr. - Ing. Thomas Büttner, Bundesnetzagentur & Tennet). Das Verlegen von Erdkabeln ist in vielerlei Hinsicht sehr anspruchsvoll.

Es sind erhebliche Erdarbeiten mit schwerem Gerät erforderlich, die eine Schneise von ca. 45 Meter Breite in die Landschaft schlagen und häufig das Anlegen zusätzlicher befestigter Wege für die Zu- und Abfahrt erforderlich machen. Auch nach Fertigstellung muss ein Streifen von 20-30 Meter Breite aufgrund der geringen Verlegetiefe von naturnaher Vegetation freigehalten werden. Dazu kommen erforderliche Bauten für das Einbringen des Stroms in den Boden, Verbindungspunkte, Wartungsstationen. Aufgrund technischer Erfordernisse muss diese Trasse möglichst gerade verlaufen. Ausweichradien müssen mindestens 15 Meter betragen.

Es entsteht eine dauerhaft sichtbare, vegetationsarme Schneise. Bereits ein leichter naturnaher Bewuchs ist problematisch. Daher kann dieser Bereich weder als Acker oder Wiese genutzt werden und erwärmt sich um bis zu 5°Celsius (manche Publikationen behaupten sogar 20° Celsius, bleiben jedoch die Quelle schuldig). Das hat weitreichenden Einfluss auf den Grundwasserspeigel, da die Bodenaustrocknung im Leitungsbereich stark zunimmt (Quelle: Deutschlandfunk, Prof. Michael Kurrat, TU Braunschweig).

Ein Hochspannungs-Erdkabel teilt deshalb Biotope, wirkt anhaltend auf deren Wasserhaushalt ein und bietet selbst keine Lebensräume an. Unterquerungen von Straßen, etc. stellen eine zusätzliche Herausforderung dar. Aufgrund geologischer Gegebenheiten kann die Nutzung von Erdkabel sowohl unwirtschaftlich als auch aus technischen bzw. Sicherheitsgründen beschränkt oder unmöglich sein. Aufgrund seiner eingeschränkten Belastbarkeit stellt eine 380kV-Erdkabel-Strecke eine signifikante Leistungsbegrenzung des Gesamtsystems dar. In letzter Konsequenz trägt es so zur Destabilisierung unseres Stromnetzes bei.

Dafür ist ein Erdkabel witterungsunempfindlich und aufgrund möglicher Leitungsdicken für den Normalbetrieb effizienter auslegbar. Allerdings fehlen bisher im Hochspannungsbereich (380kV) belastbare Erfahrungswerte. Neben einigen Pilot-Strecken gibt es bisher lediglich eine Trasse von ca. 5 km Länge in Berlin. Aufgrund physikalischer Seiteneffekte ist ein wirtschaftlicher Betrieb von 380kV-Erdkabeln auf eine Länge von ca. 10km beschränkt (Quelle: Wikipedia).

Ein Hinderniss für Befürworter von 380kV-Erdkabeln ist in Deutschland die aktuelle Gesetzeslage. Bei der Argumentation werfen Diskutierende teilweise verschiedene technisch Ansätze in einen Topf. Da diese sich in mehrfacher Hinsicht stark unterscheiden, wirkt sich das direkt auf die Möglichkeit der Erdkabel-Verlegung aus. Während für Hoch­spannungs­gleich­strom­fern­leitungen die Erdverkabelung vorzuziehen ist, gibt es für 380kV-Wechsel­strom­leitungen lediglich Pilot-Projekte, deren Auswertung vor weiteren Trassenfreigaben abgewartet werden muss (Quelle: BWMi).

Beiden gemein…

… ist die Tatsache, dass die gern ins Feld geführten „Gefahren“ wie Elektrosmog sich zwar unterscheiden, jedoch vergleichbar sind. Gegenüber den Einwirkungen im eigenen Haushalt, der U-Bahn, etc. sind sie in beiden Fällen deutlich unter den geltenden Grenzwerten und daher vernachlässigbar (Quelle: „Welt“-Artikel vom 16.11.2012). Bisher vorliegende Studien dazu basieren lediglich auf statistischen Auswertungen ohne Gegenprobe, wissenschaftlich stichhaltige Erkenntnisse fehlen.

Beide Varianten der Trassenführung sind in der Landschaft sichtbar, unterscheiden sich lediglich in der Ausprägung. Spaziergängern im Wald wird eine Erdkabel-Trasse stärker auffallen als eine Hochspannungsleitung, unter der ein Niederwald die Schneise weitestgehend verschwinden lässt. Neben der Autobahn wird die Freileitung sicher auffallen, sich dabei jedoch den Einschnitt in die Landschaft mit ihr teilen. Ein Erdkabel ist aus der Ferne und im Vorbeifahren unsichtbar. Diesem optischen Vorteil stehen fehlende Erkenntnisse über mögliche Langzeitschäden und dem direkten Einwirken auf die Lebensräume entgegen, die damit durchschnitten werden.

Was gesundheitliche Seiteneffekte betrifft, gibt es keine gesicherten Erkenntnisse, ob, wodurch und in welchem Umfang Stromtrassen schädlich sind. Bei Freileitungen lassen sich bisherige Annahmen kaum halten, statistische Häufung bleibt unerklärt, sie könnten ebensogut davon unabhängige, auch regional unterschiedliche Ursachen haben. Für Erdkabel gibt es keine Datenmenge, auf der ein statistischer Vergleich möglich wäre, weshalb eine Behauptung, das sei risikofreier, objektiv unseriös ist, weil es dafür keinerlei belastbaren Daten gibt.

Fazit

Eine sachliche Diskussion sollte eine Abwägung enthalten und konkrete Fragen stellen:

  • Geht es um Umweltschutz und Gefährlichkeit, oder sollen womöglich nur wirtschaftliche Interessen einiger wenigen wegen möglicher Wertverluste bei Immobilien kaschiert werden?
  • Können diese möglichen Verluste bei Erdkabel-Verlegung verbindlich ausgeschlossen werden?
  • Wie sind fehlende Erfahrungswerte zur vorgeschlagenen Erdverkabelung bei der Gefährlichkeit einzustufen?
  • Wie haltbar ist das Argument „Naturschutz“ im Vergleich, wenn für ein Erdkabel erheblich aufwändigere Baumaßnahmen erforderlich sind?
  • Welche der beiden Varianten hat für die Landschaft, Vegetation und Lebensräume die einschneidenderen Langzeitfolgen?
  • Kann bei einer Freileitung mit„Land­schafts­verschandelung“ argumentiert werden, wenn es doch bereits eine (unstreitig unattraktive) Freileitungs­trasse entlang der A10 gibt?
  • Wird mit sachlichen Argumenten oder mittels starker Überzeichnung1 gearbeitet?
  • Wer bezahlt die – erheblichen – Mehrkosten einer Erdverkabelung?

Sie haben hierzu eine Meinung? Rückmeldungen über die Kontaktfunktion (Seitenende) sind willkommen.


1Anfangs war in Informationen des Umweltverbandes von Masten mit 100 Meter Höhe die Rede, mittlerweile sind sie auf 81 Meter „geschrumpft“. Die tatsächliche durchschnittliche Höhe von Masten beträgt 50 Meter.